Ein Gürtel für Franzi

 

Manche liebgewordenen Gewohnheiten hinterfragt man nicht sofort, sondern erst, wenn einem jemand darauf hinweist oder man im Gespräch zufällig das Thema streift und sich denkt: „Darauf habe ich irgendwie noch nie geachtet …“ Meine Tochter Franzi ist klein und zierlich und liebt kleine und zierliche Dinge, insofern ist auch ihr Mittelalter-Gürtel sehr schmal. Um ihr eine Freude zu machen, wollte ich ihr auf dem Markt in Rabenstein eine neue Schließen-Garnitur kaufen, möglichst zierlich und passend für das 12. Jahrhundert. Das ist natürlich ein Wiederspruch in sich, das weiß ich inzwischen auch. Dragal plädierte für möglichst breit. Und ich kaufte nichts und begann gezielt zu recherchieren.

Tatsächlich gibt es nur einige wenige Belege für die üblichen langen Mittelaltergürtel mit Schnallen für das späte 12. Jahrhundert, zumindest für Frauen. Oft sieht man geknotete Borten, entweder einfach um die Taille gebunden oder im Rücken gekreuzt und im Schoß mit einem Knoten gesichert wie bei den Portalfiguren von Chartres. Ebenso häufig fallen auch breite Streifen in der Taille auf, die fast ebenso gut Stickereibesätze sein könnten (und in der Hälfte der Fälle wahrscheinlich auch sind, aber manchmal sieht man eben deutlich, dass der Stoff darunter von dem Streifen zusammengerafft wird). Einen solchen Gürtel möchte ich für Franzi fertigen. Für den Verschluss im Rücken möchte ich mich am sogenannten Bruchenband Philipps von Schwaben orientieren, das heißt, er wird mit einem Stückchen Fingerschlaufenband geschnürt werden.

Das Bruchenband des Philip von Schwaben, Domschatz Speyer. (Bildnachweis)

Anleitung:

Als Material wäre ein Stück brettchengewebte Borte möglich, wie bei besagtem „Bruchenband“. In den Codices ist der Taillengürtel allerdings immer genau auf die Gewandbesätze abgestimmt, sowohl farblich als auch in den Mustern. Ich versuche es also mit dem krappgefärbten Wollstoff, in dem auch die Besätze von Franzis Gewand gefertigt sind.

 

 

 

 

 

 

Für einen Gürtel ist er allerdings zu weich, und die Schnürung würde auch sehr instabil werden. Ich muss ihn also verstärken…Vor einigen Jahren hatte ich auf dem Flohmarkt eine Rolle beinhartes, antikes Handweb-Steifleinen ergattert, bis jetzt aber keine Verwendung dafür gehabt. Damit wird der Gürtel jetzt verstärkt.

 

 

 

 

 

 

Die Bestickung ist angelehnt an die Stickerei auf den Besätzen und an einige Bildquellen, auf denen gemusterte Gürtel zu sehen sind. Ausgeführt wird sie mit naturfarbenem, waidgefärbtem und walnußgefärbtem Seidengarn im Kettstich. Die Motive sind mit Bleistift frei Hand vorgezeichnet.

 

 

 

 

 

 

Zur weiteren Verzierung werden noch kleine Scheibchen aus Muschelschale aufgenäht.

 

 

 

 

 

 

 

Fast fertig. Jetzt wird die rückwärtige Naht geschlossen und das Steifleinen mittels einer Wendenadel eingezogen. Im Rücken habe ich zwei Lederstreifen angenäht, damit sich die Schnürbänder einfacher durchziehen lassen. Ein Stückchen Fingerschlaufenband aus Leinengarn, und schon kann der Gürtel geschlossen werden.

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Franzi mit neuem Gürtel.

 

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